„Fischer, Fischer – wie tief ist das Wasser?“
Von Prognosen und Wirtschaft

Foto: Christine Fehrenbach / Frankfurt
(Klaus Kofler 26.6.09) Prognosen oder mögliche Szenarien über die Zukunft haben es in Zeiten wie diesen nicht wirklich leicht. Genau genommen ist die momentane Situation für viele Skeptiker und Zweifler wieder einmal genau passend, um alles was da so manche Experten oder Institute von sich geben, gründlich in Frage zu stellen. Verständlicherweise – denn mittlerweile werden sogar schon regelmäßige Prognosen-Updates angeboten, um vorschnelle Ergebnisse wieder eilig nachzubessern. Fast sieht es so aus, als wären die genauen Auslöser und die damit verbunden möglichen Auswirkungen doch nicht so eindeutig identifiziert wie es ursprünglich angenommen wurde. So ist es auch ein wenig verständlich, dass nunmehr von vielen alles an Prognosen über einen Kamm geschert wird und so Gutes und Schlechtes in diesem Bereich zu einer grauen Masse verschmilzt.Beispiele dafür sind, dass die Prognostiker sowohl die Rezessionen in den Jahren 1981 und 1993 als auch in Aufschwung in den frühen neunziger Jahren verschlafen haben – so Professor Heileman vom Institut für empirische Wirtschaftsforschung in Leipzig auch in dem Brand eins Artikel. Allerdings hat sich die Wirtschaft auch verändert und internationale Warenströme machen eine nationale Konjunkturprognose zunehmend schwieriger. Darüber hinaus steht bei Ländern der EU ein ausgeglichener Haushalt im Vordergrund der Wirtschaftspolitik und nicht die Stabilisierung der Konjunktur, so dass hier auf gänzlich andere Alarmfaktoren geachtet wird.
Dass es aber auch langfristige Prognosen und Szenarien bereits vor dieser aktuellen Krise gab, die noch dazu ziemlich genau auf dieses Dilemma hingewiesen haben, wurde nicht von vielen registriert. Allerdings sind solche langfristigen Aussagen eben die Ausnahme von der Regel und immer wieder in Konkurrenz mit den kurzfristigen Meldungen. Und da ist der Mensch und unsere Wirtschaft halt eher von einem schnellen Reagieren als von einem besonnenen Agieren geleitet. Und mal ehrlich: Wer weicht denn schon gerne von der Herde ab?
So existieren zwei wesentliche Ansätze von Prognosen und Szenarien, die sich mit dem Thema Zukunft auseinandersetzen. Der erste Ansatz liegt in der klaren Unterscheidung zwischen kurz- und langfristigen Prognosen – also in der Zeit. Denn kurzfristigen Prognosen der Vergangenheit lehnten sich primär an ein linear ausgelegte Wirtschafts- und Wachstumssystem an. Bekannte Modelle lassen sich fast immer wesentlich leichter kurzfristig vorhersagen als jener Zustand den wir jetzt vorfinden. Wenn aber ein gesamtes System fast gänzlich kollabiert, handelt es sich dabei um eine völlig neue Situation, die mit bekannten Annahmen und Mustern nichts mehr zu tun hat.
Einige wenige längerfristige Darstellungen haben jedoch bereits vor einigen Jahren eindringlich auf unsere momentane Situation hingewiesen. Beispielsweise prognostizierte der amerikanische Ökonom James Turk bereits Ende 2006, dass die bereits damals stark krisengeschüttelten Finanzmärkte in den nächsten drei Jahren Gefahr laufen zusammenzubrechen und eine große Wirtschaftskrise damit einhergehen könnte. James Turk galt als ein großer Kritiker des Finanzsystems der letzten Jahre und ist vor allem dafür bekannt, dass er mit provokanten Fragen dieses System immer wieder massiv in Frage stellte. Aber nicht nur er sondern auch andere Experten haben immer wieder deutlich auf mögliche Gefahren hingewiesen. Stellt sich die Frage, ob man das alles einfach nur überhört hat oder ganz einfach nur gar nicht hören wollte?
Der zweite Ansatz liegt darin, dass Prognosen auch immer etwas mit Verantwortung zu tun haben. Wobei Verantwortung aber nicht bedeutet, dass man nur irgendwann etwas tun sollte, sondern vielmehr etwas aus tiefer Überzeugung tun muss. In diesem Fall wäre das eine frühzeitige und damit langfristige Änderung des Verhaltens gewesen – auch gegen den kurzfristigen Trend und gegen das schnelle Geld. Aber das hätte zum damaligen Zeitpunkt ganz und gar nicht dem Verständnis über Markt und Kapital entsprochen. Und da nicht nur alleine unabhängige unternehmerische Entscheidungen ausschlaggebend sind, sondern meist auch Banken oder andere Geldgeber ein Wörtchen bei der Strategie mitreden wollen, wäre diese Abweichung von der Masse und damit verbunden die Abkehr von dem schon genannten schnellen Geld wohl kaum möglich gewesen. Wobei genau genommen der dabei entstandene Reichtum der Vergangenheit viel mehr eine Frage des vorhandenen Kreditrahmens war, als von echter und wirklicher Wertschöpfung.
Zeit und Verantwortung sind demnach die zwei wesentlichen Faktoren im Umgang mit der Zukunft. Zeit deshalb, weil jeder der sich mit nachhaltigen Strategien auseinandersetzt, auch immer in längeren Zeiträumen denken sollte. Und Verantwortung, weil die Integration und das Heranziehen von neuen und möglichen zukünftigen Entwicklungen, die wir auch Innovation oder Erneuerung nennen können, nicht nur ein Lippenbekenntnis sein darf, sondern ein integraler Bestandteil jeder Unternehmensstrategie sein muss. Wenn ein Unternehmen seine Geschäftsprozesse nicht dahin gehend anpasst bzw. neu auflegt, wird es auch in Zukunft immer wieder in tiefe Löcher fallen und eher hektisch reagieren als besonnen agieren können.
So sind die Versäumnisse der letzten Jahre wohl auch der Zeit geschuldet, die die meisten ja nie haben. Zeit für den geschilderten Umbau der Geschäftsprozesse zum Beispiel. Oder Zeit für alternatives, nicht ausschließlich Umsatz- oder Gewinn-getriebenes Denken. Obwohl es neben der Zeit wohl auch am Willen etwas Grundlegendes zu ändern mangelte. So gibt es heute viele Betriebe, die sich ausschließlich von einem Wirtschaftszweig abhängig gemacht haben. Und auch solche, die ob des vielen Geldes was sie verdient haben nie über den Tellerrand geschaut haben, sich eben nicht um Nachhaltigkeit und eine Entwicklung von Alleinstellungsmerkmalen gegenüber ihrem Wettbewerb bemüht haben.
Die aktuell diskutierten Lösungsansätze und die entstandenen Konjunkturpakete sind wieder auf diesem bekannten, gewohnten Gebieten unterwegs. Es geht ausschließlich um das kurzfristige Reagieren ohne ein radikales Umdenken auch nur ansatzweise in den Kreis eines möglichen sinnhaften Agierens hinein zu lassen. So wird viel geredet und wenig gehandelt – muss man ja auch nicht, wenn man Geld in altes Denken und alte Strukturen pumpt. Nur stellt sich hier die Frage der Verantwortung. Wer übernimmt die Verantwortung für dieses Handeln, dass es bestimmt nicht schafft das Vertrauen der Menschen zurück zu gewinnen.
So geht es in der aktuellen Situation nicht mehr nur um eine reine Finanz- oder Wirtschaftskrise – vielleicht sollten wir uns eher mit dem Begriff Systemkrise anfreunden. Mögliche Lösungsmodelle einer solchen Systemkrise sind weit tief greifender als das was bisher besprochen wird. Denn es geht nicht mehr nur darum unseren Konsum um jeden Preis der Welt aufrecht zu erhalten oder den Automobilausstoß mit Steuergeldern künstlich zu am Leben zu erhalten. Auch die Anwendung ökonomisch abgekoppelter Kunstgriffe, ja sogar die Außerkraftsetzung der Marktwirtschaft sind nicht angesagt. Die meisten waren sich wohl bei diesem Abenteuer der letzten Jahre gar nicht bewusst in welch einem Desaster das ganze Enden könnte. Und diese Reise war wahrhaftig ein Abenteuer. Denn je weiter wir uns künstlich nach oben bewegt haben, je mehr Geld scheinbar verdient wurde, je mehr wir uns von realer und fassbarer Wertschöpfung entfernt haben, desto weniger haben wir uns damit beschäftigt, wie tief wir bei einem Versagen des System denn fallen könnten. Und jetzt wissen wir aus der Erfahrung, dass das sehr tief ist – was wir schon daran sehen, dass einige noch immer fallen.
Und in diesem Fallen träumen viele, ja sehr viele noch immer davon, dass sie irgendwann aufwachen, der Alptraum vorbei ist und sie einfach auf die alte und gewohnte Art weitermachen können. Sie glauben ihren Karren einfach weiterziehen zu können – so als ob nichts gewesen wäre. Nur werden sie irgendwann in den nächsten Tagen, Wochen oder gar erst Monaten merken, dass es die Straße oder Schiene auf der sie sich bisher mit ihrer Unternehmung siegessicher fortbewegt haben, nicht mehr gibt. Und das wird auch der Moment sein, der am Ende jedes Fallens unweigerlich wartet: Der Aufschlag auf den Boden. Da hilft kein Beten, kein Hoffen, kein Politiker und demnach auch kein Konjunkturpaket.
Wir stehen vielmehr vor der riesigen Herausforderung, dass wir ein neues Verständnis für unsere Wirtschaftssysteme aufbauen müssen, dass nicht nur auf rein rationalen ökonomischen Gesichtspunkten wie reiner Gewinnorientierung oder Wachstum um jeden Preis beruht. Denn das war es letztlich ja, dass uns diese Situation bescherte. Und das Denken, dass diese Krise hervor gebracht hat, wird uns nicht helfen diese auch nur ansatzweise zu lösen – das wusste schon Einstein. Wir brauchen Neues Denken in neuen Strukturen, Vertrauen und Innovation als Leitwährung der Zukunft sowie die Erkenntnis, dass Wachstum zwingend an reale Wertschöpfung gekoppelt sein muss. Und wenn Prognosen dann solche Faktoren messen und bewerten können, werden wir wieder sicherer auf den Weltmeeren der Wirtschaft unterwegs sein.
